Sukzession

Anpassung von Architektur an die sich rasant verändernde Landschaft im Braunkohletagebau Welzow Süd
Diplomarbeit an der staatlichen Akademie für bildende Künste Stuttgart, Stuttgart, März 2009
internationale Bauausstellung iba-see2010 „Fürst-Pückler-Land“, iba-Terrassen Großräschen, Mai bis Juni 2009

„In der Ökologie und Botanik versteht man unter Sukzession die Abfolge ineinander übergehender (System-) Zustände von Pflanzen- oder Tiergesellschaften an einem Standort bei fortschreitender Zeit.“

In den Bergbaulandschaften der Lausitz sind Erd-, Natur-  und Kulturgeschichte lesbar wie ein offenes Buch. Sukzessiv wandelt sich die Landschaft und mit ihr die Tier- und Pflanzenwelt. Auf der größten Landschaftsbaustelle Europas hinterlassen die Maschinen eine einzigartige Landschaft, ähnlich einer Wüste. Davon angezogen, kommen zahlreiche Menschen aus den nahegelegenen Großstädten in den Tagebau. Sie verlassen die Zivilisation, um für eine kurze Zeit an einem anderen Ort zu sein.

„In die Wüste gehen ist in den Hochkulturen ein Akt der Reinigung, Selbstvermessung, der Verhaltensdisziplin und der Schärfung des Denkens. Jede Zivilisation vernachlässigt den Körper. Wir leben wie Tiere, die nie aus  ihrem Stall herauskommen. In die Wüste gehen heißt, einmal den Stall verlassen“.

(Otl Aicher, Gehen in der Wüste)

Noch etwa 20 Jahre (Teilabschnitt I), voraussichtlich sogar 40 Jahre (Teilabschnitt II) wird im Tagebau Welzow-Süd Braunkohle gefördert werden. In dieser Zeit soll die einzigartige Zwischenlandschaft genutzt werden. Wanderer bekommen die Möglichkeit, die unterschiedlichen

Abschnitte des Tagebau zu durchwandern. Hierfür werden Objekte gesucht, in denen die Wanderer Schutz und Geborgenheit finden. Die zeitlich unterschiedlichen Prozesse einerseits, der wandernde Tagebau (1 Meter pro Tag), andererseits die Sukzession der Landschaft über mehrere Jahre hinweg, machen es erforderlich, die Architekturen flexibel zu gestalten. Sie müssen mit dem Tagebau „mitgehen“ können. Die Architekturen sollen sich an diese Bewegungen anpassen können.

Als erstes werden die verschiedenen Stadien und Gebiete im Tagebau untersucht: Renaturierung, F60-Sand, Absetzer-Sand, Grube und Südrandschlauch. Es handelt sich hierbei um fünf Landschaften, mit jeweils unterschiedlicher Topographie. In jede dieser unterschiedlichen Landschaften wird eine Station implantiert. Diese werden der Topographie vor Ort angepasst.

Der Maßstabslosigkeit und der sich bewegenden Tagebaulandschaft werden leicht lesbare Architekturen entgegengesetzt. Sie sind Vergleichsobjekte, die einen menschlichen Maßstab in die Weite der Tagebaulandschaft bringen und diese dadurch messbar/erfahrbar machen.

Die 5 Stationen strukturieren die Weite. Sie bieten Orientierung. Zwischen ihnen spannen sich die Wanderwege. Die Stationen werden nicht alle auf einmal gebaut, sondern erst im Laufe

der Zeit. Manche wechseln ihren Ort, manche verändern ihre Gestalt, manche werden nach einiger Zeit zu etwas Anderem. Die sich verändernde Landschaft gibt hierzu den Takt vor.

5 Stationen werden entwickelt:

  1. Wegbereiter
  2. Kauscher Platte
  3. Gedächtnis
  4. Werkstatt Wolkenberg
  5. Überlauf Hühnerwasser

Wegbereiter:

Der Wegbereiter befindet sich im frisch verkippten, unverdichteten F60-Sand. Der Sand liegt sehr locker, er befindet sich im fließenden Zustand. Es besteht Erdrutsch-, bzw. Einsinkgefahr.
Durch sein Eigengewicht verdichtet der Wegbereiter den Boden unter sich. Der Betonkörper wird von der F60 gezogen und hinterlässt einen geebneten Wanderweg. Sein Innerstes ist mit einer Rampe, welche an ihrer obersten Stelle eine weite Aussicht über die Sandberge bietet, einer Feuerstelle und Holzeinbauten, die zur Übernachtung dienen, ausgestattet.

Kauscher Platte:

Die Kauscher Platte befindet sich im F60-Sand, in einem sich ständig verlängernden Abstand hinter dem Wegbereiter. Die quadratische Platte stellt, bedingt durch ihre Form, Massivität, Material (Stampfbeton) einen absoluten Kontrast zu ihrer Umgebung dar. Sie strahlt Standhaftigkeit aus, was dem Wanderer ein Gefühl von Sicherheit in der sonst „fließenden“ Landschaft verleiht. Platte und Kapsel sind genau so hoch, das man von oberster Stelle der Kapsel über das Sandmeer blicken kann. Sie dient als Pausenplatte, bietet Schutz, Unterkunft und Schlafmöglichkeit. Nach einigen Jahren wird der Absetzer die Betonplatte mit einer ca. 30 m dicken Sandschicht überschütten. Bevor das geschieht, wird die Holzkapsel abgenommen und auf eine neue Platte an anderer Stelle montiert.

Gedächtnis:

Das Gedächtnis befindet sich am südlichsten Ende des Grabens, am Hang des Südrandschlauchs, an der Schnittstelle zwischen aktivem und bereits renaturiertem Tagebau. Bis 2030 kann man von hieraus den näherrückenden Grubenbetrieb beobachten.
Die Architektur ist in den 30 Meter hohen 45 Grad steilen Hang eingebaut, den vor ca. 30 Jahren der Absetzer geschüttet hat. Die unterste Stelle befindet sich auf dem  F60-Sand, die oberste Stelle auf dem renaturierten Bereich.
Es ist ein Treffpunkt für die Wanderer aus dem Tagebau und die Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft (Spremberg).
Es ist das Tor aus dem Tagebau.
Die aus dem Tagebau kommenden Wanderer hinterlassen in den Regalen im Innern des Gebäude Fundstücke aus dem Tagebau. Im Jahre 2030 ist das Gebäude vollständig befüllt.
Der untere Eingang und die beiden großen Seitenöffnungen werden geschlossen, kurz bevor der Absetzer das Gebäude im Sand verschwinden lässt.
Die Fundstücke aus dem Tagebau und eine mystische Atmosphäre im Innern der Höhle speichern das bis hierhin dagewesene.
Es ist ein Gedächtnis.

Werkstatt Wolkenberg:

Im Jahre 2009 wird vom Absetzer an der Stelle des ehemaligen Wolkenbergs ein Sandberg gekippt – der neue Wolkenberg. Auf seiner höchsten Stelle wird 2017 eine Herberge gebaut, die Wanderern Unterkunft bietet. Gleichzeitig hat man von hier oben einen Überblick über den vorbeiziehenden Tagebaubetrieb. Da der Bedarf an Schlafplätzen steigen wird, wird die Herberge im Laufe der Zeit um weitere Holzaufbauten erweitert.
Das Gebäude ruht auf einer hohen Betonplatte. Diese wird im Laufe der Zeit ein wenig im unverdichteten Absetzer-Sand einsinken. Eine breite Treppe führt nach oben zur Mitte. Am Feuer erzählen sich die Wanderer ihre Erlebnisse. Die Holzeinbauten bieten Übernachtungsmöglichkeiten.
Ab 2037 kommen keine Tagebauwanderer mehr zum Übernachten, da der Grubenbetrieb entweder weiterzieht (Teilabschnitt II) oder eingestellt wird.
Man benötigt für Forstarbeiten eine Werkstatt in der Renaturierung.
Es ist eine Werkstatt

Überlauf Hühnerwasser:

Im Norden des renaturierten Tagebau wird eine Tonwanne auf dem frisch geformten Quellberg Hühnerwasser modelliert. Hier sammelt sich Regenwasser und fließt im Flüsschen Hühnerwasser in die Spree. 2017 wird eine Staumauer errichtet, die letzte Station für die Wanderer des Tagebau.
Bei Regen steigt der Wasserspiegel des Quellsees. Das Wasser fließt durch 2 schmale Spalte in der Staumauer in 2 badewannengroße Wasserbecken und schlussendlich wasserfallartig in das Flüsschen.
Nach der Wanderung durch den Tagebau gönnt man sich hier, in den verschiedenen Wasserbecken, eine Erfrischung.

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